Gedanken und Wahrheit und wie wir damit immer wieder durcheinanderkommen

Denken ist eines meiner größten Hobbys. Bitte nicht falsch verstehen. Ich meine damit nicht, das tiefgründige Sinnieren über das Sein oder etwa das intellektuelle Grübeln über Quantenphysik und andere Phänomene der Welt. Vielmehr geht es bei mir um das Denken im Allgemeinen: Warum ist etwas so und nicht so? Wie ist die Person wohl so? Warum ist der immer so? Was will ich heute noch erledigen? Habe ich schon alles für die nächsten Tage vorbereitet? Was darf ich auf gar keinen Fall vergessen? Hat sie das mit Absicht so gesagt oder kam das nur bei mir so an? Usw.…

So oder so ähnlich geht es in meinem Kopf rauf und runter. Das ist weder konstruktiv noch besonders angenehm, hat sich aber mittlerweile fast vollständig automatisiert. Hier soll es nun aber gar nicht um das Denken ganz allgemein gehen. Vielmehr geht es um Gedanken, die eine Meinung ausdrücken. Es hat sich in unserer Gesellschaft etabliert, nicht nur über alles, was uns begegnet nachzudenken – denn daran ist ja grundsätzlich erstmal gar nichts verkehrt –, sondern diese Gedanken und die sich daraus bildende Meinung als Fakten oder Tatsachen anzuerkennen.

Hierzu mal ein praxisnahes Beispiel, um deutlich zu machen, worum es mir dabei geht: Jenny R. ist auf eine Party eingeladen. Sie hat aber keine besonders große Lust, den Abend unter vielen Menschen zu verbringen. Da es sich jedoch um die Feier ihrer besten Freundin handelt, beschließt sie, zumindest für ein bis zwei Stunden vorbeizuschauen. Entsprechend ihres Vorhabens verabschiedet sich Jenny R. nach kurzer Zeit wieder von den Anwesenden und geht nach Hause. Wie das nicht selten der Fall ist, wird dieser Fakt unter den zurückgelassenen Partygästen ausführlich diskutiert. Die erste Feierwütige, die sich zu Wort meldet, sagt, dass sie das „total daneben“ findet, da es sich ja schließlich um die Geburtstagsfeier von XY handelt und das „ja schon irgendwie respektlos sei“. Ein anderer Partyhengst klinkt sich ebenfalls in das Gespräch ein und sagt, dass das „ganz typisch“ sei, weil „Jenny R. eh immer so ist“. Eine dritte Partymaus äußert sich ebenfalls zu dem Vorfall und merkt an, dass sie „gar nicht versteht, wie man so unsozial sein kann“ wie Jenny R. Gut, dass die beste Freundin als Gastgeberin gar kein Problem damit hat. Sie kennt Jenny lange genug und respektiert gerne, wenn ihr nicht nach feiern ist.

Was ist hier also passiert?

Was den hier genannten Personen nicht gelingt, ist es, die einzelnen Schritte des unwillkürlich ablaufenden Prozesses wahrzunehmen und einzuordnen. Sie nehmen an, aus der Information über das Verhalten von Jenny R. folge ganz automatisch das Urteil, dass dieses Verhalten gar nicht geht. Schließlich ist das ja ein Fakt. Das sehen ja alle so.

Falsch! Was in einem solchen Fall in erster Linie passiert, ist mein eigenes Denken. Ich beobachte etwas: Jenny R. verlässt die Party bereits nach einer Stunde wieder. Ich denke darüber nach: Die Information läuft durch meinen Kopf, passiert dort meine Erinnerungen, Meinungen, Wertevorstellungen, Normen und alles, was sich sonst im Laufe meines Lebens dort an eigenen oder fremdverursachten Filtern etabliert hat. Aus meiner Beobachtung wird auf diesem Weg eine Bewertung: Ich habe nun nicht mehr nur die Sachinformation „Jenny R. verlässt um 22 Uhr die Party“ in meinem Kopf, sondern das, was ich anhand der oben genannten Filter daraus geformt habe. Aus dieser Bewertung der Situation bilde ich mir meine Meinung: Ich finde Jennys Verhalten gut/schlecht/langweilig/total egal/voll daneben. Das Wichtigste an diesem Prozess folgt als nächstes. Eine Meinung alleine ist ein eher fragiles Konstrukt, das in der Außenwelt meist nicht besonders widerstandsfähig erscheint.

Daher zementieren wir diese Meinung in möglichst plausiblen Begründungen, die unsere Meinung nicht mehr nur als solche erscheinen lassen, sondern stattdessen als einen Fakt, eine Tatsache, gewissermaßen als die Wahrheit. Jennys Verhalten ist deshalb schlecht oder falsch, da alle anderen ja schließlich noch geblieben sind. Außerdem würde man sich selbst als Gastgeber ja auch nicht wünschen, dass alle schon um 22 Uhr wieder nach Hause gehen. Wo würde es also hinführen, wenn sich alle so verhielten wie Jenny R.? Je nach Qualität der Begründung unserer Meinung kann diese durchaus das Potential haben, als allgemeingültige Wahrheit anerkannt zu werden (zumindest von den Mitdiskutierenden). Es bleibt lediglich ein einziges Problem: Es ist nun mal nicht die Wahrheit! Nichts davon ist mehr oder weniger richtig als das, was Jenny darüber denkt oder ihre beste Freundin oder irgendein anderer Partygast. Am Ende sind all das einfach nur Gedanken. Nichts weiter. Unsere Überbewertung dessen, was sich in unserem Kopf abspielt, lässt uns zu dem Schluss kommen, dass das, was wir denken, eine allgemeingültige Bedeutung hat. Das ist jedoch ein Irrglaube, der nicht selten unnötigerweise zu Konflikten führt. Wer sich über Gedanken und Meinungen streitet, führt einen Kampf gegen Wolken. So oft ich auch hineinschlage, sie werden nicht verschwinden. Es sind eben Wolken.

Warum schreibe ich darüber?

Ich glaube, dass es jedem von uns im Einzelnen, aber vor allem auch unseren sozialen Interaktionen hilft, wenn wir uns die oben beschriebenen GEDANKEN (denn ja, auch das hier formulierte sind lediglich eine Niederschrift meiner Gedanken) immer mal wieder bewusst machen. Ein Großteil unserer Konflikte basiert meines Erachtens auf der Annahme, dass es sich bei unseren Gedanken und unserer Meinung um „die Wahrheit“ handelt, die es zu verteidigen gilt. Wenn wir uns von diesem Standpunkt lösen und diese Wahrheit loslassen, können wir den Gedanken anderer Personen gelassener begegnen. Denn während es nur Platz für eine Wahrheit gibt, haben Gedanken und Meinungen gemeinsam und überall Platz. Denn denken kann jeder, was er will. Dies wurde auch schon in einem alten Volkslied besungen:


Die Gedanken sind frei

Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten?
Sie fliegen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen
mit Pulver und Blei.
Die Gedanken sind frei!

Ich denke, was ich will
und was mich beglücket,
doch alles in der Still',
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei!

Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
ich spotte der Pein
und menschlicher Werke;
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
Die Gedanken sind frei!

Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen,
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
Die Gedanken sind frei!

Volkslied, ca. 1790
bearbeitet von
Hoffmann von Fallersleben, 1841
(Erstdruck 1842)