Der Geist braucht Raum

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Ich habe zuletzt eine gute und wichtige Erfahrung gemacht, die mir mal wieder vor Augen geführt hat, wie schnell wir in und mit unserem Leben uns selbst entgleiten können…

Ich bezeichne mich gerne als kreativen Menschen. Ich singe gerne, bastele, male, backe und neuerdings habe ich Häkeln für mich entdeckt. Kaum etwas von dem, was ich da tue, stellt einen Anspruch an Schönheit und Begabung, aber ich tue es gerne und es belebt mich.

Gerade in Sachen beruflicher Selbstständigkeit zehre ich von dieser Kreativität. Sie inspiriert mich, lässt mich gestalten und entwickeln und füttert mich mit neuen Ideen. Leider ist mir ein Teil dieser Inspiration und Kreativität in den letzten Monaten abhandengekommen. Die letzte Zeit war gefüllt mit vielen Terminen und Aufgaben, zeitlich alles relativ straff durchgetaktet und phasenweise ziemlich anstrengend. Meine beruflichen Ideen und mein kreatives Austoben sind dabei etwas auf der Strecke geblieben, was ich vordergründig mit Zeitmangel begründet habe. Ich dachte mir, dass ich es einfach nicht „schaffe“, mich mal an meinen Laptop zu setzen und an meinen Workshop-Ideen zu tüfteln. Sowas geht ein paar Wochen ganz gut, weil man sich selbst mit Aufschiebeverhalten super hinhalten kann. „Wenn das vorbei ist, nehme ich mir etwas Zeit.“ „Nur noch das Projekt und dann kann ich mich wieder an die anderen Dinge setzen.“ „Diese Woche ist wieder etwas voll, aber die nächste Woche wird entspannter.“ Mit diesen Gedanken habe ich mich schön selber manipuliert und so Woche für Woche und Monat für Monat gute Gründe gefunden, warum ich gerade einfach nicht kreativ sein kann.

Das ist natürlich Quatsch! Es gab immer mal wieder freie Tage, an denen ich problemlos Zeit gefunden hätte. Diese wollte ich aber lieber mit Ausruhen, Wäsche waschen, Einkaufen und anderen nützlichen Dingen verbringen. Als diese Erkenntnis zu mir durchgesickert ist, hat sie mich frustriert. Ich war enttäuscht über mich selber und verärgert, dass ich mir nicht einfach mal die Zeit nehme für Dinge, die ich monatelang habe liegen lassen.

In der vergangenen Woche ereilte mich ein Infekt und ich lag mehrere Tage mit Schüttelfrost und Kopfschmerzen im Bett und habe mich einfach nur elend gefühlt. So unangenehm das auch sein mochte, einen positiven Effekt hatte es: Mir war in der Zeit alles egal. Weder die Arbeit, noch irgendwelche anderen Verpflichtungen konnten meine Gedanken für sich gewinnen. Während unter normalen Umständen mein Kopf gar nicht genug davon bekommen kann, von einem Thema zum nächsten zu springen, sich über alles zu sorgen und nur schwer die Dinge auf sich beruhen lassen kann, erschien mir in diesen Tagen der Krankheit alles nebensächlich. Ich war viel zu kaputt, um über irgendetwas zu grübeln, drückte sämtliche Anrufe weg und Mails las ich gar nicht erst. Die meiste Zeit verbrachte ich mit Schlafen.

Als dann Besserung eintrat und zumindest mein Geist wieder Lebensmut gewann, fühlte ich mich irgendwie leicht. In meinem Kopf herrschte weitestgehend Stille, alle Sorgen und Verpflichtungen schienen weit weg und ich erfuhr so etwas wie innere Ruhe. In den folgenden Tagen brachte mir diese innere Ruhe meine Kreativität zurück. Meine Ideen und Visionen flossen erst zaghaft und dann immer regelmäßiger und präsenter in meinen Kopf und durchfluteten meinen Geist. Es machte mir Spaß, alle meine Gedanken in meinem Notizbuch festzuhalten, an meiner Homepage zu basteln und mich wieder lebendig und begeisterungsfähig zu fühlen, anstatt matt und betäubt, wie ich mich in den Monaten zuvor immer mal wieder gefühlt hatte.

Warum machen wir das? Warum knallen wir uns so mit Themen, Terminen, Aufgaben, Verpflichtungen und anderen Aktivitäten voll, dass wir uns selbst davon abhalten, uns Raum und Zeit für uns selbst, unsere Gedanken, Wünsche und Ideen zu geben? Wir leben unseren Alltag häufig so, dass wir unser Gehirn energetisch ans Limit bringen. Durch Dauerbeschallung visuell und akustisch ist unser Gehirn ohnehin den ganzen Tag mit der Verarbeitung von Signalen beschäftigt. Neue Technologien, die steigende Informationsflut und ständige Veränderungsprozesse sind nur einige Faktoren, die unser Gehirn bewältigen und verarbeiten muss. Dies gelingt nicht nur immer weniger Menschen, die dann als Folge an Stress leiden, sondern es schmälert auch die Produktivität und Kreativität.

Hinzu kommt eine weitere Eigenschaft des Gehirns, die als „Ökonomieprinzip des Gehirns“ bezeichnet wird. Unser Gehirn geht grundsätzlich davon aus, dass alles in der Welt kontinuierlich und homogen abläuft. Aus dieser Annahme heraus kann es passieren, dass beim Auftreten etwas Unerwarteten das Gehirn bei der Verarbeitung dieser Information überfordert wird. Dies ist jedoch problematisch, wenn es um Kreativität geht, da es bei dieser ausgerechnet darauf ankommt, gewohnte Wege und Grenzen zu überschreiten. Wenn wir kreativ sind, beanspruchen wir dabei nicht nur beide Gehirnhälften, sondern auch viele verschiedene Hirnregionen. Dafür braucht das Gehirn somit nicht nur Energie, sondern wir dürfen es vorher nicht auch schon mit jeder Menge Informationen vollgestopft haben, die es zu verarbeiten hat.

Was ist also die Erkenntnis?

Nicht nur in Sachen Kreativität, sondern auch zur Stressreduktion, zur Steigerung der inneren Zufriedenheit sowie um phantasievoll, begeisterungsfähig und geistig frisch zu bleiben, sollten wir unseren „Bulimie-Alltag“ verändern. Wenn wir unsere Zeit mit allerlei Terminen, Plänen und Verpflichtungen vollstopfen, hat das nicht nur Auswirkungen auf unser Energielevel sowie unser körperliches und geistiges Wohlbefinden. Darüber hinaus verhindert es auch, dass wir unser Hier und Jetzt bewusst wahrnehmen. Wer kennt das nicht, dass die Tage, Wochen und Monate so dahinfliegen, ohne dass wir jeden einzelnen Moment davon bewusst wahrgenommen und durchlebt haben. Vielmehr blicken wir dann zurück und wundern uns, wie es sein kann, dass die Woche schon wieder rum ist.

Die Schritte in Richtung Raum, Ruhe und Gelassenheit können auch nur ganz kleine sein und es muss nicht unbedingt mit einem Virusinfekt anfangen. Weniger Themen und Projekte gleichzeitig bearbeiten, klare zeitliche Grenzen setzen: An welchen Tagen und zu welchen Uhrzeiten möchte ich mich mit welchem Thema beschäftigen? Sich Zeit nehmen auch für vermeintlich banale Dinge wie Essen, ein Buch lesen, die Wäsche aufhängen, in Ruhe einen Kaffee trinken.

All diese Kleinigkeiten können einen großen Beitrag dazu leisten, dass wir unserem Kopf mal eine Auszeit gönnen vom Dauerfunktionieren und den Raum schaffen für geistige Weite und kreatives Schaffen.