Die Kunst des Nichtstuns

Ein paar Gedanken, die mich schon einige Tage begleiten - oder wenn ich ehrlich bin, schon einige Monate, vielleicht Jahre - und immer mal wieder in mein Bewusstsein gelangen, sind Gedanken über das Sein. Wobei das nicht im philosophischen oder spirituellen Sinne gemeint ist. Vielmehr beschäftigt mich die Frage, warum es mir manchmal so schwer fällt, das Nichtstun zu genießen. Kennt ihr das? Bei mir läuft das üblicherweise so ab: Es gibt eine Phase, in der ich unglaublich viel zu tun habe. Das ist nicht selten der Fall, denn in der Regel haue ich mich so mit Aufgaben voll, dass die Planung und Durchführung dieser einer exakten und zuverlässigen Strukturierung bedarf, die mir nur mithilfe mehrerer Kalender, etlicher Erinnerungen in meinem Handy sowie unzähliger Notizzettel gelingt. Das ganze motiviert mich dann eine Zeit lang extrem, dann wird es anstrengend, irgendwann nervig, dann folgt die Phase der Überlastung und daraufhin das Abstoßen. Diese Phasen helfen mir bei der nötigen Selbstregulation, bringen mich wieder ins Gleichgewicht und sorgen anschließend wieder für ein Wohlgefühl. Diese Vorgehensweise lässt sich sicherlich in Frage stellen, ist aber ein anderes Thema…

Jedenfalls folgt auf eine Überlastungsphase meist eine Gegenregulation, die das genaue Gegenteil beinhaltet: Wenig zu tun und viel freie Zeit. Möglicherweise schlägt der Eine oder Andere von euch jetzt die Hände über den Kopf zusammen, wenn ich sage, dass das für mich ein Problem darstellt. Klar, das ist eigentlich großartig...sollte es zumindest sein. So fühlt es sich manchmal aber leider nicht an. Gerade am Anfang, nachdem eine Stressphase gerade geendet ist und sich die erste Euphorie über die gewonnene Zeit gelegt hat, fühle ich mich schnell unproduktiv, nutzlos und faul - und dadurch irgendwie getrieben. Ich habe dann das Gefühl, ich müsste dringend etwas tun, vorankommen, etwas erledigen.

Die Frage, die ich mir stelle, ist: Wo kommt das her? Und noch viel wichtiger: Wie kriege ich das abgestellt?

Erste Erkenntnis: Ich bin mit diesem Phänomen nicht alleine...

Heute saß Ich bei bestem Wetter in einer Salatbar in Essen. Die Sonne schien seit zwei Tagen durch und selbiges war für die nächsten Tagen angesagt. Trotz der hohen Temperaturen wehte eine leichte Brise, welche die Haut angenehm erfrischte. Paradiesische Zustände könnte man meinen.

Neben mir saßen zwei Frauen - ich tippe auf Mutter und Tochter. Ganz unbeabsichtigt schnappte ich mitten drin ein paar Worte auf, die sich wie die Faust aufs Auge in meine Gedankenwelt der vergangenen Tage mischten. Die jüngere der beiden Frauen äußerte folgendes: “Was soll ich mit all der Zeit anfangen? Morgen habe ich Rufbereitschaft. Ich denke, dass sie mich holen werden. Aber danach? Da habe ich drei Tage frei. Klar, ich kann hier herkommen und was essen. Und den Rest der Zeit? Weißt du, was ich meine?”

Vermutlich hätte ich unter anderen Umständen belustigt in mich hinein geschmunzelt und mir gedacht “Wenn man sonst keine Probleme hat.” Blöderweise beschreibe ich weiter oben ja eine ähnliche Unruhe. Woher also kommt solche Getriebenheit? Warum empfinden diese Frau und ich freie Zeit nicht einfach als ein Geschenk und erfreuen uns unserer selbst? Was genau ist so schön daran, beschäftigt zu sein oder aber so schlimm daran, frei zu haben?

Der übliche Small Talk vieler Personen, die sich in beiläufige Gespräche verwickeln, beinhaltet nicht selten einen Ausschnitt, der so oder so ähnlich ablaufen könnte: “Hey, wie geht’s?” - “Gut und selbst?” - “Auch gut, danke. Was gibt es Neues?” - “Ach, nicht viel. Wie immer viel zu tun. Und bei dir?” - “Ja, viel zu tun, das kenne ich.”

Zu tun zu haben, scheint eine Art Selbstrechtfertigung oder die Bedeutung und Wichtigkeit der eigenen Person und des eigenen Schaffens darzustellen. Wer würde denn schon antworten: “Mir geht’s gut. Ich habe drei Tage frei und Ich mache nichts”?!

Was mich selbst betrifft, könnte eine Strategie sein, mir meine freien Tage einfach auch noch bis oben hin voll zu planen. Dass ich das kann, habe ich mir schon viele Male eindrucksvoll bewiesen. Dieser Gedanke stellt mich jedoch alles andere als zufrieden! Ich möchte meine Grundhaltung zur Geschäftigkeit lieber etwas ändern und lande damit bei dem neumodischen Begriff “Entschleunigung”.

Wikipedia schreibt hierzu: Mit Entschleunigung wird umgangssprachlich ein Verhalten beschrieben, aktiv der beruflichen und privaten Beschleunigung des Lebens entgegenzusteuern, d. h. wieder langsamer zu werden oder sogar zur Langsamkeit zurückzukehren.

Dem Streben nach Verlangsamung liegt die Auffassung zugrunde, dass die gesellschaftliche und vor allem wirtschaftliche Entwicklung in den entwickelten Industriegesellschaften eine Eigendynamik gewonnen habe, die Hektik und sinnlose Hast in alle Lebensbereiche hineintrage und dabei jedes natürliche und insbesondere menschliche Maß ignoriere. Dem Streben der Berufswelt nach Komplexität, Effektivität, Hast, Hektik, schneller, höher, weiter und mehr wird die Entschleunigung entgegengesetzt. Dabei geht es nicht um Langsamkeit als Selbstzweck, sondern um angemessene Geschwindigkeiten und Veränderungen in einem umfassenden Sinn: im Umgang mit sich selbst, mit den Mitmenschen und mit der umgebenden Natur (siehe Wikipedia zu “Entschleunigung”).

Ich glaube, hier liegt ein wichtiger oder vielleicht sogar der entscheidende Grund für Unruhe und Getriebenheit: Das Streben nach mehr sowie das Bedürfnis voranzukommen. Aber voran wohin? Wir sind häufig so damit beschäftigt, voranzukommen und nach etwas zu streben, dass sich die Frage nach dem Wohin - und noch viel wichtiger die Frage nach dem Warum oder Wofür - gar nicht erst stellt. Hauptsache größer, weiter, mehr…

Ich kenne die Antworten einiger Freunde und Bekannte, die auf solche Fragen erwidern, sie möchten finanziell unabhängig sein, möchten eine Familie finanzieren können, ein Haus bauen, ein Auto kaufen, … Und dann? Ist das Leben danach vorbei? Stoppt es dann abrupt und mündet in einer dauerhaft anhaltenden Wolke des Wohlbefindens und der vollkommenen Erfüllung? Wenn ja, dann frage ich mich, wer all die getriebenen, schlecht gelaunten Anzugträger auf den Straßen Berlins sind. Und wer im Supermarkt ungeduldig nach einer weiteren Kasse schreit, weil für das Warten auf die vier Kunden vor einem einfach keine Zeit ist. Haben die es alle einfach noch nicht geschafft, sich den Traum der eigenen Familie und des Eigenheims zu erfüllen? Sind diese Menschen alle traurig gescheitert auf ihrem strebsamen Weg? Oder gibt es vielmehr keinen Endzustand, den es zu erreichen gilt? Ist nach Familiengründung im selbstgebauten Haus und mit nigel-nagel-neuem Audi Q7 vor der Tür das Streben einfach noch nicht beendet? Klar, ich meine, das Haus wird ja noch abbezahlt und der Q7 finanziert. Und dann sind da die Instandhaltungskosten und die Familienurlaube und und und….

Worum geht es denn letztlich? Worauf zielt all die Schufterei, all das Versuchen und Verfluchen, all die Kompromissbereitschaft in freizeitlichen Belangen ab? Letztlich geht es doch um Zufriedenheit. Es geht um das Gefühl, sich ein gutes Leben bereitet und es in vollen Zügen ausgekostet und genossen zu haben. Aber warum nicht jetzt, sondern später? Belohnungsaufschub lautet der Fachbegriff in der Psychologie für ein solches Verhalten. Wir belohnen uns nicht sofort, sondern später und verzichten dafür auf eine sofortige und anstengungslose kleinere Belohnung zugunsten einer größeren in der Zukunft. Wer aber weiß eigentlich, dass diese große Belohnung (Haus, Auto, Geld, ….) es wert ist, die vielen kleinen Belohnungen zuvor liegen zu lassen? Und was passiert, wenn bei Erhalt der großen Belohnung der Effekt der Zufriedenheit ausbleibt?

Eine tolle Anekdote zu diesem Thema ist die von Heinrich Böll über einen Fischer und einen Geschäftsmann (Wer diese schon kennt, kann gerne weiter nach unten scrollen):

In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren [...]. Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt den dösenden Fischer, [...]. „Sie werden heute einen guten Fang machen.“ Kopfschütteln des Fischers. „Aber man hat mir gesagt, dass das Wetter günstig ist.“ Kopfnicken des Fischers. „Sie werden also nicht ausfahren?“ Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiss liegt ihm das Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die verpasste Gelegenheit. „Oh, Sie fühlen sich nicht wohl?“ Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort über. „Ich fühle mich großartig“, sagt er. „Ich habe mich nie besser gefühlt.“ Er steht auf, reckt sich, als wollte er demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist. „Ich fühle mich phantastisch.“ [...] „Aber warum fahren Sie dann nicht aus?“ Die Antwort kommt prompt und knapp. „Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin.“ „War der Fang gut?“ „Er war so gut, dass ich nicht noch einmal auszufahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen. [...] Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug“, sagt er, um des Fremden Seele zu erleichtern. [...] „Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen“, sagt er, „aber stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus, und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht gar zehn Dutzend Makrelen fangen ... stellen Sie sich das mal vor .“ Der Fischer nickt. „Sie würden“, fährt der Tourist fort, „nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren – wissen Sie, was geschehen würde?“ Der Fischer schüttelt den Kopf. „Sie würden sich spätestens in einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen – eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden ...“, die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, „Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisungen geben, Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren – und dann ...“, wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache. [...] Und dann“, sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache. Der Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat. „Was dann?“, fragt er leise. „Dann“, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, „dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.“ „Aber das tue ich ja schon jetzt“, sagt der Fischer, „ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.“ Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, und es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.

(Heinrich Böll: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral. In: Robert C. Conrad (Hg.): Heinrich Böll. Kölner Ausgabe. Bd. 12. 1959–1963. ©2008 by Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, Köln)

Warum also das Gefühl von Zufriedenheit und Genuss aufschieben, wenn man es sofort und jederzeit haben kann? Deswegen macht mit und entschleunigt euer Leben! Nehmt euch einfach mal Zeit, nichts zu tun. Und tut die Dinge, die ihr tut, bewusst langsamer. Vom Wäsche aufhängen übers Duschen bis zum Weg zur S-Bahn. Macht alles etwas langsamer und bewusster. Phantastisch, was dabei passiert….


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