Über können, dürfen und müssen - oder auch: (Selbst-)manipulation durch Sprache

“Luisa wurde gerade per SMS von einer Freundin zu einer Party eingeladen. Das bringt sie in einen Zwiespalt, da sie sich eigentlich vorgenommen hatte, für eine Klausur zu lernen. Kurzerhand antwortet Luisa ihrer Freundin, dass sie leider nicht kommen kann, da sie für eine Klausur lernen muss und nicht noch einmal durch den Kurs fallen darf. Sie fühlt sich beim Abschicken der Nachricht zwar etwas schlecht, aber schließlich kann sie ja gar nichts für die Situation. Es ist ja nicht ihre Schuld, dass die Klausur ansteht und sie diese dringend bestehen muss. Oder doch?”

Die Art und Weise, wie wir unsere Sprache benutzen, ist wirklich interessant und viel häufiger eine genaue Betrachtung wert, als wir das üblicherweise tun. Wenn wir unseren Fokus mal darauf lenken, wie oft die Worte “müssen”, “können”, “dürfen” und “sollen” in unserer Alltagssprache vorkommen, dann könnte man den Eindruck gewinnen, wir führten ein Leben als Leibeigene.

Woher kommt diese Passivität in unserer Sprache? Warum fällt es uns so schwer, für das einzustehen, was wir entscheiden und das auch so zu kommunizieren? Was sagt es über uns aus, wenn wir viel müssen, wenig dürfen und vor allem sollen?

Schauen wir uns mal die Wortgruppe an, die ich hier beschreibe. Es handelt sich dabei um sogenannte Modalverben, die in Verbindung mit einem anderen Verb die Notwendigkeit oder Möglichkeit ausdrücken, sprich, wie wahrscheinlich, möglich oder erlaubt eine Handlung oder Tätigkeit ist. Wenn Luisa also davon spricht, dass sie nicht kommen kann, bezieht sie sich damit erst einmal auf die Wahrscheinlichkeit bzw. Möglichkeit ihres Erscheinens bei der Party. Indem sie formuliert, dass sie noch lernen muss, nimmt sie Bezug auf die Notwendigkeit dieses Plans, die sie mithilfe der Erklärung, dass sie nicht noch einmal durchfallen dürfe, untermauert. So weit, so gut. Die Formulierungen sind vermutlich jedem von uns bestens bekannt, Luisas Erklärungen plausibel, ihr Zwiespalt nachvollziehbar.

Wozu also diese Ausführungen - könnte man sich nun fragen. Interessanterweise gibt es noch zwei weitere Begriffe, die üblicherweise gemeinsam mit den oben genannten in der Reihe der Modalverben auftauchen. Es handelt sich dabei um “mögen” und “wollen”. Was diese beiden Begriffe so interessant macht, ist die Tatsache, dass sie in unserem alltäglichen Miteinander, insbesondere, wenn es um unsere Entscheidungen geht, viel weniger Verwendung finden, als die großen Geschwister “sollen”, “müssen”, “dürfen” und “können”.

Folgt man der Sprachphilosophie, spricht man von “deontischer” Modalität des Wortes müssen, wenn es sich auf einen äußeren Zwang bezieht (vgl. Max Joseph, http://amor.cms.hu-berlin.de/~h2816i3x/Publications/Krifka_Muessen.pdf). In der Art und Weise wie wir diese Modalwörter benutzen, charakterisieren wir also unsere Beziehung als Sprecher zum Satz.

Versetzen wir uns damit noch einmal zurück in das Anfangsbeispiel und verändern mal unsere Beziehung zum Satz. Was würde passieren, wenn Luisa in ihrer SMS anstelle von “können”, “müssen” und “dürfen” die Modalverben “mögen” und “wollen” verwendet hätte? Ihre Nachricht hätte dann lauten können: “Ich werde nicht zur Party kommen, da ich noch lernen möchte. Ich will die Klausur unbedingt bestehen, da ich bereits beim letzten Mal durchgefallen bin.” Wenn wir diese beiden Nachrichten nun gegenüberstellen, welche Unterschiede kann man feststellen?

Der offensichtlichste Unterschied ist vermutlich der der Verantwortlichkeit. Wenn wir davon sprechen, dass wir nicht kommen können, liegt die Verantwortung dafür nicht bei uns, sondern bei der Klausur. Blöderweise lässt sich die Frage der Verantwortung jedoch so weit runterbrechen, bis wir letztlich doch wieder bei uns selbst landen. Schließlich haben wir uns für das Studium entschieden und schließlich setzen wir unseren eigenen Maßstab, wie ernst wir dieses Studium nehmen und schließlich ist es uns wichtig, die Klausur zu bestehen. Und scheinbar sind es auch wir, die davon überzeugt sind, die Klausur nur zu bestehen, wenn wir lernen, anstatt zu der Party zu gehen. Wie wir es also auch drehen und wenden, das Abschieben der Verantwortung mithilfe unserer Wortwahl ist allenfalls ein schöner Schleier, jedoch nicht wirklich eine überzeugende Taktik.

Was mit dieser Verantwortungsverschiebung einhergeht, ist die Vermeidung der Auseinandersetzung mit uns selbst. Wir machen uns vor, es würde sich dabei ja gar nicht um unsere Entscheidung handeln, so dass wir die Art, wie wir unsere Prioritäten setzen, nicht weiter hinterfragen müssen. Würden wir das tun, müssten wir uns vielleicht eingestehen, dass es uns eigentlich wichtiger ist, zu der Party zu gehen und würden unser Pflichtbewusstsein hinten anstellen. Damit könnten wir aber einen offensiven Konflikt unserer Bedürfnisse in uns auslösen, der sich viel galanter umschiffen lässt, wenn wir uns unsere Entscheidungsfreiheit gar nicht erst eingestehen.

Ein nicht zu unterschätzender Aspekt, der uns bestimmt nicht selten dazu verleitet, unsere Entscheidungen auf passive Weise auszudrücken, ist die Vermeidung von Schuldzuweisung. Was würdet ihr sagen, wie viele Personen in eurem Freundes- und Bekanntenkreis können gut mit ehrlichen und direkten Bedürfnisäußerungen umgehen? Wie oft seid ihr schon Konfrontationen dadurch aus dem Weg gegangen, dass ihr anstelle von “Ich habe keine Lust mit deinen Eltern essen zu gehen” eine Formulierung wie “Ich kann leider nicht mitkommen” gewählt habt?

Indem wir die Verantwortung von uns weg bringen, machen wir uns weniger angreifbar und schützen uns vor Vorwürfen, Schuldzuweisungen und Enttäuschungen. Insgeheim rechtfertigen wir uns bereits für unser Verhalten, was durch das sehr beliebte Wort “leider” eine angemessene Verstärkung erfährt. Wenn ich leider nicht kommen kann, signalisiere ich meinem Gegenüber, dass es eigentlich mein Herzenswunsch ist, jedoch die Umstände es nicht ermöglichen. Eine Win-Win-Situation für mich. Ich muss nicht zu dem Essen gehen und ich muss mich auch nicht schlecht fühlen deswegen. Im Gegenteil, ich fordere sogar implizit Verständnis ein, schließlich tut es mir ja wirklich leid.

Wer nun in diesen Ausführungen kein bedenkliches Verhalten für sich erkennt, der kann getrost weiter die “deontische” Modalität verwenden. Es gibt auf jeden Fall gute Gründe dafür, dies zu tun, wie auch ich zugeben muss und wie wir weiter oben sehen konnten. In mir hat sich irgendwann einfach das Bedürfnis eingestellt, weniger in einer “Opferrolle” und mehr autark und selbstbestimmt zu argumentieren. Ich habe mich gefühlt, als seien meine Bedürfnisse nicht in Ordnung, weswegen ich sie umformulieren, verschleiern oder gänzlich für mich behalten musste (äääh...wollte, also habe). Ich finde mittlerweile, dass es völlig in Ordnung ist, zu dem zu stehen, was ich möchte und zu tun, wonach mir der Sinn steht. Denn letztlich, glaube ich, gibt es keine gesündere Basis, als ehrlich miteinander zu sein. Ehrlich mit mir selber und ehrlich mit anderen. Und ich bin ehrlich, das gelingt mir nicht immer. Aber das Etablieren der Worte “wollen” und “mögen” in meine Alltagssprache stellt auf jeden Fall schon eine große Hilfe dar, wenn es darum geht, zu formulieren, was ich möchte. Am Ende, glaube ich, funktioniert die Schutzfunktion der passiven Sprache auch nur bei Personen, die in ähnlichen Mustern funktionieren. Wer an das “Wollen-Konzept” glaubt, wird die Fremdverantwortungsmasche nicht schlucken und es am Ende nicht schlimm finden, dass ihr nicht vorbeikommen wollt, sondern in erster Linie, dass ihr nicht dazu steht.

Probiert es mal aus. Achtet mal darauf, wann ihr “können” und “müssen” vor ein Verb setzt und ersetzt es (wenn auch erstmal nur im Kopf) durch ein “wollen”. Der Effekt ist enorm!