Der Umgang mit Konflikten -Wie wir uns selbst dabei helfen können, uns in Konfliktsituationen besser zu fühlen

Lesezeit: 7 Minuten

Konflikte können eine unangenehme Sache sein. Egal, ob im Berufs- oder Privatleben, ob mit Arbeitskollegen, Vorgesetzten, Familie, Freunden oder Bekannten, eine Sache ist häufig gleich: Wir reiben uns auf, werden emotional, grübeln, beschäftigen uns möglicherweise auch Nachts mit dem Thema und fühlen uns (mindestens im Aufeinandertreffen mit der anderen Konfliktpartei) unwohl.

Wenn die Auswirkungen von Konflikten so negativ sind, warum führen wir sie dann überhaupt? Wäre es nicht viel klüger, Harmonie zu wahren und Konflikte zu vermeiden? Mit Sicherheit, allerdings würde das voraussetzen, dass wir immer beeinflussen können, welche Situationen uns begegnen. Das halte ich für unwahrscheinlich, jedoch können wir beeinflussen, wie wir ihnen begegnen. Ich spreche hier jedoch nicht von Ratgebern für mehr Schlagfertigkeit, Kursen, die einem das Nein sagen vermitteln oder Rhetorik-Schulungen, die einen dazu befähigen, den Gegenüber argumentativ auszuhebeln. Wer damit gute Erfahrungen gemacht hat, schön. Aus meiner Sicht handelt es sich dabei um eine Form von Symptombehandlung, die zwar kurzfristig erfolgsversprechend sein kann, langfristig jedoch nur verschleiert, was unter der Konfliktsituation brodelt.

Anstatt also Verhaltensweisen einzustudieren und sich Sätze zurechtzulegen, sollten wir uns besser fragen, warum wir in einer bestimmten Situation so reagieren, wie wir reagieren, was dahintersteckt und somit nicht nur dem Symptom (z.B. "Ich fühle mich unterlegen und so möchte ich mich nicht fühlen") zu begegnen, sondern auch der Ursache.

Ich möchte das mal anhand eines Beispiels skizzieren:Abb.1 zeigt eine Person wie du und ich. Nennen wir sie hier mal "Empfänger". Diese Person zeichnet sich durch Ängste, Sorgen, Bedürfnisse, Wünsche und Erfahrungen aus.

Abbildung 1

Solche können sein: Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, der Wunsch, respektiert zu werden, die Erfahrung, nicht so akzeptiert zu werden, wie man ist, die Angst, nicht die selben Chancen, wie andere Personen zu bekommen usw. (Abb. 2).

Jeder, der mal in sich blickt und sich Momente des Unwohlseins vor Augen führt, wird solche Erscheinungen in sich finden. Der eine vielleicht ausgeprägter und vielfältiger, die andere möglicherweise weniger intensiv. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass es solche Anteile in jedem von uns gibt.



Abbildung 2

Stellen wir uns weiter vor, dass der Empfänger auf einen Kritisierer trifft. Gerne einen der ganz üblen Sorte, der keinerlei Empathie besitzt, ebenso wenig Taktgefühl und erst recht keine gewaltfreie Sprache. Der Kritisierer wirft somit all seine Kritik ungefiltert und unreflektiert in Richtung des Empfängers und lässt sie auf diesen einprasseln. Die Frage, die sich nun stellt, ist, auf welchen Nährboden diese Kritik trifft. Auf einen fruchtbaren, gut gewässerten Boden aus Muttererde, der nur darauf wartet, die ausgeworfene Saat aufzusaugen? Oder auf einen trockenen, steinigen Acker, der keinerlei Durchlässigkeit für die Saat aufweist?

Entscheidend für unseren Nährboden sind die Themen, die wir mit uns herumtragen. Je mehr (insbesondere unbewusste und/oder unbearbeitete) Themen wir in uns haben, desto empfindsamer reagieren wir auf das, was uns zugeworfen wird. Wenn der Kritiker mir also vorwirft, faul, unmotiviert und inkompetent zu sein, kann es sein, dass mein Bedürfnis nach Anerkennung, der eigene Perfektionismus, die Sorge, den Aufgaben nicht gewachsen zu sein oder vielleicht auch der Wunsch nach einem respektvollen Umgang von diesem Vorwurf angegriffen werden. Eines, der in mir sorgfältig aufbewahrten Themen wird somit attackiert (Abb. 3). Dass wir sowas auf gar keinen Fall auf uns sitzen lassen wollen und der Wut, Traurigkeit oder Angst, die uns daraus ereilt, Platz verschaffen, in dem wir sie nach außen bringen, ist sehr nachvollziehbar. Vielleicht lässt es sich sogar mit einer Schusswunde vergleichen, die den Überlebensinstinkt in uns weckt. Dieser Instinkt lässt uns entweder fliehen (Konfliktvermeidung -> was erst einmal ein guter Selbstschutz sein kann) oder kämpfen - und damit haben wir dann unseren Konflikt im Außen.

Abbildung 3

Jetzt spulen wir aber nochmal zurück. Was wäre denn, wenn der Kritisierer seine Saat auswirft und sie eben nicht auf fruchtbaren Boden trifft, nämlich auf keine Sorgen, Ängste und Wünsche, die nur darauf warten, getroffen zu werden? Nehmen wir mal an, unser Gegenüber kritisiert uns für unsere unzuverlässige Arbeitsweise und in uns befindet sich keinerlei passende Angst oder Sorge, kein Wunsch oder kein Bedürfnis, das davon getroffen werden kann. Weder halten wir unsere Arbeitsweise selbst für unzuverlässig, noch befürchten wir, jemand anderes könnte dies denken. Was passiert also mit der Kritik? Vermutlich verpufft sie. Oder wir können versuchen herauszufinden, was bei der Person, die uns kritisiert dahintersteckt. Möglicherweise hat diese Person eine ganz eigene Sorge und projeziert diese nur auf uns. Festhalten sollten wir in jedem Fall, dass die Situation sich nicht verändert hat, sondern lediglich, wie wir darafu reagieren bzw. damit umgehen.

Schwieriger wird es, wenn die kritisierten Punkte nicht nur Ängste und Bedürfnisse treffen, sondern tatsächliche Einschätzungen über uns selbst. Wenn wir nicht nur befürchten, jemand könnte uns für unpünktlich halten, sondern wir wissen, dass wir es manchmal sind, wie kann ich mir dann helfen?

Entscheidend ist hier erst einmal wieder die Bewusstmachung. Wenn ich tief im Inneren weiß, dass ich ab und zu unpünktlich komme, es aber schon mir gegenüber verleugne, wird die Sache schwer. Denn dann kämpfe ich plötzlich an vielen Fronten: gegen mich, gegen meinen Gegenüber, vielleicht sogar gegen die Zeit. Wenn jedoch das sich selbst Eingestehen gelingt, hängt es vor allem von meiner eigenen Bewertung meines Verhaltens ab, wie angreifbar ich im Außen bin. Hasse ich diese Verhaltensweise an mir, wird die Kritik meines Gegenübers mich umso mehr stören. Es reicht ja schließlich schon, dass ich mich selbst dafür schelte. Kann ich jedoch diese Verhaltensweise an mir akzeptieren und bewusst mit ihr umgehen, wird auch der Nährboden für meinen Gegenüber verschwinden (z.B. "Ich weiß, dass ich manchmal unpünktlich bin. Das ist etwas, von dem ich selber noch nicht weiß, wie ich dazu stehe und wie ich damit umgehen möchte. Ich kann deine Kritik akzeptieren. Danke, dass du mir gesagt hast, was dich beschäftigt.")

Vielleicht ist diese Herangehensweise neu und ungewohnt. Vielleicht ruft sie sogar

erstmal Widerstand hervor, weil der Fokus plötzlich vom Außen, von anderen Personen weggelenkt wird auf uns selbst. Sowas ist immer unangenehm. Ich persönlich mag jedoch die Vorstellung, aktiv auf meine Gedanken, Gefühle und Reaktionen einwirken zu können, weil ich meinen Anteil an der Situation erkenne und dementsprechend ändern kann.