Unfreiheit in der Vorweihnachtszeit (oder auch: Weihnachtsshopping-Wahnsinn 2019)

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Endlich ist es wieder soweit: Der Totensonntag ist vorbei und wie uns im Radio nun mehrmals täglich mitgeteilt wird, startet damit offiziell die Vorweihnachtszeit. Weihnachten, das Fest der Liebe, das Fest des Gebens, der Gemeinschaft und der Zusammenkunft. Das klingt alles sehr rein und poetisch. Wenn dem so ist, warum hupen, pöbeln, drängeln, grummeln und fluchen die Menschen auf den Straßen in der Vorweihnachtszeit noch viel mehr als im gesamten Rest des Jahres?

Die Gründe dafür sind vermutlich jedem bekannt und relativ offensichtlich. Der Konsummarathon, der spätestens mit dem „Black Friday“-Wochenende startet und mindestens bis zum 24.12. kein Ende findet, erhöht das Stresslevel der Shopping-Wütenden vermutlich schon von ganz alleine auf ein ungesundes Maß. Hinzukommen dann noch die Grübeleien über mögliche Geschenke für die Liebsten, das Plätzchenbacken mit den Kindern und Freunden, das Planen der Feiertage oder des anstehenden Urlaubs, das Absolvieren der unzähligen Weihnachtsfeiern – wobei hier nicht nur das Überstehen der bloßen körperlichen Anwesenheit eine Herausforderung darstellen kann, sondern vor allem die vielen langweiligen Reden, Small Talk mit Kollegen und dem Versuch zu widerstehen, sich maßlos mit Glühwein und anderen alkoholischen Getränken abzuschießen –, und nicht zu vergessen die Arbeitsaufträge, die alle dringend noch bis Jahresende abgeschlossen werden müssen. Wie soll man da keinen Stress empfinden und das Jahresende immer wieder aufs Neue verfluchen?! Da helfen auch Wham mit „Last Christmas“ und die immer wieder in Dauerschleife säuselnden Radiomoderatoren nicht, die einem erzählen, dass nun endlich die besinnliche Vorweihnachtszeit läuft.

Der Soziologe Michael Mutz von der Georg-August-Universität in Göttingen hat die Ergebnisse einer Bevölkerungsumfrage in europäischen Ländern aus dem Jahr 2012 zusammengefasst und berichtet im Deutschlandfunk davon, dass aus o.g. Gründen die Menschen sich in der Vorweihnachtszeit häufig niedergeschlagen, gehetzt, traurig oder einsam fühlen und generell weniger zufrieden mit ihrem Leben sind.

(Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/studie-zur-vorweihnachtszeit-weihnachten-ist-ein-kritisches.676.de.html?dram:article_id=340741)


Was bedeutet das also? Ist Weihnachten und alles, was damit verbunden ist also einfach scheiße? Sollte man darüber nachdenken, die Weihnachtszeit abzuschaffen und einfach bis Silvester durcharbeiten? Denn sind wir mal ehrlich, der christliche Gedanke, der im ursprünglichen Sinne hinter dem Weihnachtsfest steht, wird im Konsumrausch, weihnachtsfeierlichen Saufgelagen und plärrenden Kindern, die nicht das unterm Weihnachtsbaum finden, was sie extra in Großbuchstaben auf ihren Wunschzettel (aka Weihnachtsbestellschein) geschrieben haben, nicht mal annähernd verwirklicht.

Der Grund, warum Weihnachten für viele nicht das sein kann, was uns auf Plakatwänden, in Werbespots und in den unzähligen Weihnachtsfilmen suggeriert wird – nämlich die Zeit der Besinnlichkeit, der Ruhe und des Friedens, die Zeit für Familie und Liebe – ist unsere selbstkreierte Unfreiheit. Wir wählen nicht, sondern wir erfüllen und befolgen.

Wann immer wir eine Frage beantworten mit: „Das macht man so“ oder „Das machen doch alle so“, „das gehört halt dazu“, „so ist es eben“, sind wir unfrei. Wir entscheiden uns nicht aus einem guten Gefühl heraus, weil wir Lust darauf haben, sondern wir übernehmen, meist unhinterfragt, das Verhalten Anderer in dem Glauben, es gäbe keine Alternative dazu.

Damit möchte ich nicht sagen, dass wir uns ganz grundsätzlich nichts schenken sollten. Nur zu, wer daran Freude hat.

Jedoch ist die entscheidende Frage dabei, ob ich es tue, weil ich es möchte und mich damit wohlfühle. Ein ganz entscheidender Hinweis darauf, wie frei ich mich in meinen Entscheidungen fühle, ist der körperliche Stress, den ich dabei empfinde.

Löst mein Geschenkeshopping Stress aus? Dann ist es mir vermutlich eigentlich zu viel. Empfinde ich beim Gedanken an die Weihnachtsfeiern Stress? Dann sollte ich vielleicht die eine oder andere absagen. Freue ich mich auf das Plätzchenbacken mit meiner besten Freundin oder ist es ein Termin in meinem Kalender, der, wie jeder andere Termin zu dieser Zeit des Jahres auch, in erster Linie Druck und Stress erzeugt und arbeite ich eher ab, als dass ich genieße?

Ich habe bereits vor einigen Jahren das Verschenken zu Weihnachten aufgegeben. Es war am Anfang ungewohnt, vor allem auch für meine Familie. Mittlerweile tun sie es mir gleich und wir treffen uns an den Weihnachtstagen ausschließlich zum gemeinsamen Essen und Spielen. Interessanterweise ist die Resonanz darauf, wenn ich jemandem davon erzähle, extrem positiv. Und ich selbst freue mich nahezu täglich, wenn ich durch die Einkaufsstraßen fahre, die von Tag zu Tag voller werden, über die gewonnene Selbstbestimmung und meine gesteigerte Lebensqualität im Monat Dezember.

Ich wünsche euch eine besinnliche und ruhige Vorweihnachtszeit!